Samstag, 28. Juli 2012

[Buch] Antonia Michaelis: Der Märchenerzähler

Der MärchenerzählerDer Märchenerzähler by Antonia Michaelis
My rating: 5 of 5 stars

Vor über einer Woche habe ich "Der Märchenerzähler" ausgelesen (in nur zwei Nächten übrigens) und ich schaffe es einfach nicht, etwas darüber zu schreiben. Zu sehr hat es mich geschüttelt, zu groß ist die Furcht, dem Werk mit meinem banalen Geplänkel nicht gerecht zu werden. Aber es hilft ja nichts, gar nichts schreiben ist auch keine Lösung in diesem Fall, denn ich will ja etwas dazu sagen, weiß nur nicht wie ich anfangen soll.

Also: "Der Märchenerzähler" ist ein heftiges Buch. "Der Märchenerzähler" ist ein ganz wunderbares Buch. Ein Buch, das man unbedingt gelesen haben sollte, weil es solche Bücher nur ganz selten gibt.
Es war der erste wirklich kalte Tag des Winters, an dem Anna die Puppe fand.
So beginnt das erste Kapitel, und es ist die Puppe, die Anna das erste Mal auf Abel Tannatek aufmerksam macht. Den unnahbaren Jungen aus ihrem Abiturjahrgang, der so oft fehlt und wenn er da ist, im Unterricht schläft. Der Drogendealer mit seiner abgetragenen Kleidung passt so überhaupt nicht zu den anderen Abiturienten, die, wie Anna, aus der "besseren" Gesellschaft stammen und außer den bevorstehenden Prüfungen keine handfesten Sorgen kennen. Nach und nach findet Anna mehr über Abel heraus, der, seit die Mutter nicht mehr da ist, alleine für seine Schwester sorgt und verzweifelt versucht, das vor dem Jugendamt zu verbergen. Sie lauscht einem wunderbaren Märchen, das er zunächst nur seiner Schwester und später auch ihr erzählt, und in dem Fantasie und Wirklichkeit auf bedrohliche Art und Weise verschwimmen.

In zwei packenden Handlungssträngen erzählt Antonia Michaelis eine Geschichte, so trostlos, dass man sie am liebsten als "unrealistisch" abtun möchte, wüsste man nicht, dass sich genau solche und ähnliche Realitäten am Rande unserer Gesellschaft auch abspielen. Es ist kein Zufall, dass sie für ihren Haupthandlungsstrang eine winterliche Kulisse wählt und sich überwiegend kühler Farben für ihre Umgebungsbeschreibungen bedient - es soll kein Zweifel daran bleiben, dass es hier nichts zu beschönigen gibt. Wärmer und farbenfroher ist Abels Märchen. Obwohl auch darin eine bedrückende Note schwingt, bewahrt der Erzähler bis zuletzt einen Hoffnungsschimmer für seine Zuhörerinnen und sich selbst.

Mehrmals war ich bei der Lektüre dieses Buches an einem Punkt, an dem ich richtig Angst hatte, weiterzulesen. Man ist als Leser den Protagonisten so nah, dass man sich ihr Leid und ihren Schmerz zu eigen macht und immer wieder nicht wahrhaben möchte, was für grausame Wege die Handlung mitunter geht. Bis zuletzt glaubt man an einen glücklichen Ausgang und weiß irgendwie doch die ganze Zeit über, dass es ein klassisches Happy End für diese beiden nicht geben kann. Nicht mal in einer fiktiven Geschichte.

Michaelis' Erzählstil und die reiche Sprache sind märchenhaft, hier ein Beispiel:
Auf seiner Zunge, in seinem Mund waren alle diese Worte, alle Worte, die er gesehen hatte, alle Worte des Märchens. Und da war kein Geschmack von Vanilleeis oder Kakao oder Zigaretten, sie schmeckte die Worte selbst, sie schmeckte das Salz des Meerwassers und das Blut des Wolfes, und hinter den Worten den Winter. Und hinter dem Winter gab es einen dritten Geschmack, den sie erst nach einer Weile entdeckte: den Geschmack der Angst.


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