Samstag, 23. Juni 2012

[Buch] Yoram Kaniuk: Verlangen

Verlangen by Yoram Kaniuk
My rating: 4 of 5 stars

Alex Tlalim, erfolgreicher Filmproduzent aus Tel Aviv, ist fast 60, als seine Frau Dina an einer schweren Krankheit stirbt. Er stürzt in eine emotionale Leere, die weder seine erwachsenen Kinder, noch sein bester Freund und Geschäftspartner füllen können. Als er auf einer Geschäftsreise einige Tage frei nimmt, lernt er Nili kennen, eine junge Studentin und Tochter einer früheren Affäre, wie sich bald herausstellt. Obwohl sie seine Tochter sein könnte, verfallen Alex und Nili einander auf den ersten Blick und stürzen sich in eine Beziehung, die sie schließlich bis an den Rand des Wahnsinns führt.

Dieser fast schon poetische Roman ist von Anfang bis Ende wunderbar zu lesen. Die Zerissenheit der Hauptpersonen und ihr emotionaler Kampf um eine Perspektive ziehen einen sofort in ihren Bann. Die Manie der Liebenden baut sich auf, wie die Spannung in einem Thriller, und machte Verlangen für mich zum Pageturner. Alex und Nili können einem Leid tun, und doch mag man sie um ihren Mut, ihre Konsequenz bewundern, mit der sie sich wieder und wieder trotzig gegen alle Vernunft stellen. Ja, die Handlung scheint weit hergeholt und doch wieder nicht, denn letztlich ist es nicht die Handlung, sondern die menschlichen Schwächen und Stärken der Protagonisten, die Verlangen zu einem ganz besonderen Leseerlebnis machen.

Als primäre Kulisse wählt Kaniuk Tel Aviv, die Nebenpersonen sind Israelis verschiedener Couleur mit all ihren Ecken und Kanten. Wer Israel kennt wird sich - wie ich - in diesem Roman zuhause fühlen.

In nur zwei Nächten habe ich Verlangen verschlungen und bin noch nicht ganz wieder "da". Yoram Kaniuk schafft einen israelischen Homo Faber, den man abwechselnd kräftig schütteln und tröstend in den Arm nehmen möchte.

Zitate:

Du bist süß, Tlalim, du liebst, wie man früher Paläste baute oder Glas blies oder mordete, du bist komisch, und ich liebe dich, du bist mein und hast allen Stolz abgetan und bist klug und doch völlig närrisch, als müsstest du jeden Augenblick sterben und wolltest die letzte Sekunde in mir festhalten, und dann gehöre ich dir ganz, Tlalim.
- Nili

Ich male dich ohne Pinsel und Farben auf die Wände meines Bewusstseins, wie der Gott Schiwa den Kosmos zeichnete. So kann man ewig leben, weil es kein Alter gibt. Weil es nichts gibt.
- Nili


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