Samstag, 30. Juni 2012

Viel Lärm um eine uralte Tradition

Anfang der Woche hat ein deutsches Gericht zum ersten Mal in der Geschichte die religiös motivierte Beschneidung von Jungen als Straftat verurteilt. Das Urteil schlägt hohe Wellen und die Vertreter der drei großen Glaubensgemeinschaften - Juden, Moslems und Christen - sehen darin einen Angriff auf die Religionsfreiheit. In der Erklärung des Zentralrats der Juden heißt es u.a.:
„Diese Rechtssprechung ist ein unerhörter und unsensibler Akt. Die Beschneidung von neugeborenen Jungen ist fester Bestandteil der jüdischen Religion und wird seit Jahrtausenden weltweit praktiziert. In jedem Land der Welt wird dieses religiöse Recht respektiert.“ (Quelle)
Jüdische Beschneidungszeremonie (Quelle)
Sollte dieses Urteil die Signalwirkung entfalten, die sich die Kölner Richter wohl erhoffen, hätte das für die deutschen Juden weitreichende Folgen. Die Torah sieht die Beschneidung männlicher Babies am 8. Lebenstag vor, sofern keine triftigen gesundheitlichen Gründe dagegen sprechen. Da das Gebot von der großen Mehrheit der jüdischen Familien weltweit befolgt wird, bliebe dann für die Betroffenen nur noch das benachbarte Ausland oder die Illegalität, was zusätzlichen Stress und Komplikationsrisiken zur Folge hätte. Dabei ist der individuelle Grad der Religionsausübung nicht entscheidend oder verkürzt gesagt: Auch Juden, die nie eine Synagoge von innen sehen und Shrimps essen, halten in der Regel an der Beschneidung fest, denn das Zugehörigkeitsgefühl ist Eltern für ihr Kind wichtig. Michel Friedman sagt dazu:
"Auch ich bin beschnitten und habe meine beiden Söhne beschneiden lassen. Obwohl ich nicht fromm bin, habe ich mich als bewusster Jude in dieser Tradition wiedergefunden." (Quelle)
Besonders heikel: Da das Urteil in Deutschland gefällt wurde, fühlen sich Juden weltweit an die Anfänge des Holocausts, mit der schleichenden "Beschneidung" der Rechte jüdischer Bürger, erinnert und verurteilen es als Antisemitismus und Diskriminierung.

Ich kann die Kritiker und Beschneidungsgegner ja verstehen. Wirklich. Ich selbst bin sehr für die kindliche Selbstbestimmung und die Wahrung des Grundrechts auf körperliche Unversehrtheit. Andererseits sehe ich auch, dass wir als Eltern ständig unangenehme Entscheidungen für unsere Kinder treffen müssen, Henryk M. Broder schreibt an anderer Stelle provokativ "die ganze Kindheit ist eine einzige Missachtung der natürlichen Rechte des Kindes" (Quelle). Bei einem verhältnismäßig harmlosen Eingriff wie der Beschneidung, der in aller Regel innerhalb weniger Tage verheilt und vergessen ist, halte ich den Vorwurf der schweren Körperverletzung für überzogen. Dazu kommt noch, dass die Praxis "im Verdacht steht", das Infektionsrisiko bei beschnittenen Männern und das Gebärmutterhalskrebsrisiko der Partnerinnen zu senken, weswegen die WHO in Entwicklungs- und Schwellenländern die Beschneidung sogar als Präventivmaßnahme empfiehlt.

Davon abgesehen glaube ich nicht an den Erfolg der Überstülpung einer neuen "Überzeugung" durch den Staat, gerade wenn es um jahrtausendalte Traditionen geht. Ein wirkliches Umdenken, denn das ist es doch, was durch das Verbot erreicht werden soll, kann letztlich nur stattfinden, wenn es von Individuen ausgeht und Kreise zieht.

Ein gesetzliches Verbot halte ich daher für ähnlich zielführend, wie ein Prostitutions- oder Abtreibungsverbot. Nämlich gar nicht.

Soweit mein Wort zum Shabbat :)


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