Dienstag, 29. Juni 2010

Klaustrophobische Neigungen

Früher, als ich hier "neu" war, habe ich die Israelis für ihren Fluchtinstinkt belächelt. Mein heutiger Mann erzählte mir glaubhaft, dass man als Israeli regelmäßig hier 'raus müsse, um nicht unweigerlich durchzudrehen in diesem irren Land. Und tatsächlich fliegen die Israelis ständig irgendwohin und  zur Ferienzeit bricht am einzigen internationalen Flughafen regelmäßig das Chaos aus.

Warum ist das so?

Israel ist klein. Die Möglichkeiten im Land Urlaub zu machen sind sehr begrenzt, die wenigen ländlichen Gegenden  überlaufen, überteuert und nicht selten ausgebucht.

Israel steht immer unter Strom. Der Druck durch die umliegenden Länder und das innere Konfliktpotential sind ständig präsent, was zu Stress führt und die Entspannung selbst in der Freizeit hemmt.

Israelis fliehen gerne vor ihren eigenen Landsleuten, um - ganz inkognito - wirklich einmal richtig abschalten zu können. Das gelingt leider nicht immer, da man als Israeli im Urlaub eigentlich immer auch andere Israelis trifft, weil sie ja alle ebenfalls zur gleichen Zeit im Ausland sind ;)

Wie gesagt, anfangs habe ich diese typisch israelische Neigung belächelt, heute zeigen sich bei mir selbst klaustrophobische Symptome, allerdings sind sie noch ein wenig anders gelagert: Ich fühle mich zunehmend eingesperrt  - wie gut haben es doch die Europäer die mal eben übers Wochenende einfach über die Grenze hopsen können! - es nervt mich, ständig wahlweise auf das Mittelmeer, Checkpoints oder blockierte Abzweigungen zu treffen. Wie oft habe ich mich schon geärgert, dass der direkte Weg durch Sperrgebiet führt oder auf der Karte eine Straße eingezeichnet ist, die sich bei näherem Hinsehen als "off limits" für Israelis herausstellt. Schleichwege und lauschige Nebensträßchen braucht man hierzulande gar nicht erst zu suchen...

Dienstag, 22. Juni 2010

Schnelle Autos

Vor mir schleicht ein Porsche durch den Feierabendverkehr und ich frage mich mal wieder (nachdem ich gerade erfolgreich den Impuls unterdrückt habe, ihn unauffällig ein wenig anzuschieben), wieso um alles in der Welt man sich in Israel ein Auto kauft, das selbst in der "Basisvariante" 260 Sachen schafft.

Die Autobahnen sind auf 100 km/h Höchstgeschwindigkeit begrenzt, meist verstopft, außerdem weiß man nie, was einem außer den ständigen Polizeikontrollen auf der Straße so auflauert und die Strecken sind ohnehin so kurz, dass ein schnelles Auto
im Grunde
rausgeschmissenes Geld ist.

Mal ganz abgesehen davon, dass mir regelrecht schwindelig wird, wenn ich alleine den Anschaffungspreis im Kopf überschlage ...

(Nicht, dass ich keinen Porsche nehmen würde, gäbe man ihn mir geschenkt... :D )

Sonntag, 20. Juni 2010

Daran werde ich mich wohl nie gewöhnen *schüttel*



"Kakerlake!"

Kreische ich und rette mich in eine weit entfernte Zimmerecke. Mein goldener Ritter schafft es leider nicht rechtzeitig, das Vieh zu erwischen, bevor es durch die Balkontür auf Nimmerwiedersehen verschwindet. Es ist warm und feucht gewesen die letzten Tage, das ideale Klima für das eine Lebewesen, das mich zu einer hysterischen Kuh mutieren lässt. Da nutzt es nichts, dass es sich eigentlich nur um einen großen Käfer handelt, womit mich ganz zu Anfang meiner Israelzeit eine Freundin einlullen wollte. Käfer sind niedlich, außerdem nicht so groß, hässlich, schnell und überhaupt. Einmal habe ich ein besonders furchterregendes Exemplar unter einer Salatschüssel eingesperrt, bis mein starker Mann es am Abend erlegen konnte. Ja, ich schäme mich für diese Schwäche in Grund und Boden, aber 25 Jahre in Deutschland haben mich auf diesen Feind einfach nicht vorbereitet.

Zurück zu heute Abend. Ich lese mit meiner Tochter eine Gutenachtgeschichte, als ich es aus einer Zimmerecke rascheln höre. Mäuse kann ich ausschließen obwohl es sich genau so anhört. "Schatz", höre ich mich rufen, "wir haben noch eine Kakerlake im Schlafzimmer! Du musst sie sofort töten, sonst kann ich auf keinen Fall schlafen!" Blöd nur, dass die so schnell und zäh sind - erst eine gute Viertelstunde und mehrere beherzte Schläge mit seinem Schuh später, rührt sich das Vieh endlich nicht mehr.

Wenig später meine Tochter: "Mama, da ist noch eine Kakerlake!"
Ich: "So ein Quatsch, das kann ja gar nicht sein."
Tochter: "Doch schau, da oben."

Tatsächlich - an ihrem Mückennetz hangelt sich eine weitere Kakerlake entlang. Nr. 3 in diesem Sommer und alle an einem Abend. Ich drehe noch durch und mein Ritter hat von diesen ehrenhaften Rettungsaktionen auch langsam die Nase voll.

Er will den Kammerjäger rufen, genug ist genug.
 
Quelle: wikimedia

Freitag, 18. Juni 2010

Lieblingslied zum Wochenende (2)

Jetzt habe ich eine geschlagene Stunde in hübschen Liedern geschwelgt und bin mir immer noch nicht sicher, ob ich das richtige ausgesucht habe ;)

Miri Mesika, Ba'a eleichem
Ein Lied über zuhause und die Liebe der Eltern, etwas sentimental vielleicht, aber so berührend.






Wenn ich traurig bin und nichts vorangeht,
wenn ich ängstlich und verwirrt bin,
komme ich zu euch, komme ich zu euch.

Mein Auto rast über die Straße
als spürte es meine Eile,
ich komme zu euch, ich komme zu euch.

Papa wird sagen: Da kommt meine Prinzessin,
und Mama wird ganz aus dem Häuschen sein.
Kind, was haben wir dich vermisst,
warte doch noch einen Moment,
bevor du groß wirst.

Donnerstag, 17. Juni 2010

Der Holocaust um uns herum

Mich beschäftigt immer die Frage was wohl wird, wenn alle Holocaust-Überlebenden nicht mehr sind. Ob die Verbrechen des deutschen Volkes am jüdischen Volk dann langsam endgültig in Vergessenheit geraten und nach und nach immer mehr in der Erinnerung verblassen werden? Eine sehr ungute Vorstellung.

Andererseits ist der Holocaust in Israel nach wie vor sehr präsent. Die allermeisten haben eine persönliche Geschichte ihrer Eltern und Großeltern zu erzählen. Manche sind grausam - der Vorname unserer Kindergärtnerin etwa, ist aus den Anfangsbuchstaben von ermordeten Familienmitgliedern zusammengesetzt, einer Freundin war es besonders wichtig, den Familiennamen ihres Mannes anzunehmen aus einem ähnlichen Grund.

Vor kurzem bat mich eine Bekannte um Hilfe bei der Flugverbindungsrecherche nach Deutschland, dort sollte zu Ehren eines Großvaters, der ein ganzes jüdisches Dorf vor der Vernichtung gerettet hatte, eine Zeremonie stattfinden. Kurz stand eine Zugverbindung innerhalb Deutschlands im Raum, aber das war ihr dann doch unangenehm. Wegen des Anlasses und weil da dann alle Deutsch sprechen...

Seit dem allerersten Sprachkurs sind die Wörter "erinnern" und "vergessen" fest in meinem Vokabular verankert - der Merksatz dazu war:

erinnern und nicht vergessen



Man kommt um die Schatten des Holocausts nicht herum in Israel. Meist wird er gar nicht erwähnt, manchmal fast (zu) beiläufig und doch ist er in zahllosen Familien noch immer ständig präsent.

Sonntag, 13. Juni 2010

Kinder sind doch überall auf der Welt gleich

Wenn man sie nicht hört, stellen sie meistens irgendwas an. Heute: Fingerfarbe am Kleiderschrank, danach kurzzeitig auf dem dafür zugewiesenen Papier und dann großflächig auf dem Fußboden - wie gut, dass bei uns alles durchgefliest ist :D Leider sind die Farben auch nicht ganz so abwaschbar, wie es uns die Packungsbeilage verspricht, weswegen das Ferkelkind wohl noch ein paar Tage mit einem Blauschimmer leben müssen wird.

(Ich wohl auch, denn beim Schreiben dieses Beitrags stelle ich fest, dass die Farbe beim Duschen auf mich abgefärbt hat. Mutterfreuden. :-?)

Freitag, 11. Juni 2010

Lieblingslied zum Wochenende

Israelische Musik ist toll :) Da das allermeiste auf Ivrit ist, mag ich das ein oder andere Schätzchen mit übersetzten Textauszügen hier vorstellen.

Heute: Ariel Horowitz, "Ligmor k'mo Brenner*" (2010).







Textauszug:
"Lebte ich in einer Diktatur
hätte ich wohl den Mut aufzustehen
gegen Polizisten auf Pferden
und sie zu beschimpfen
obwohl sie Schlagstöcke haben?
Ja, vielleicht, aber wahrscheinlich eher nicht.

Wäre ich Sohn einer hungernden Familie
irgendwo in Indien oder an der Elfenbeinküste
hätte ich wohl die Kraft
aus meinem Leben was zu machen
meine Eltern zu verlassen?
Ja, vielleicht, aber wahrscheinlich eher nicht.

Solche Fragen bringen doch nichts...
So stehe ich in Tel Aviv, mitten auf der Straße,
schaue mich um und denke "Hier geht's mir gut"

 
*J.H. Brenner (1881-1921) war ein Pionier der neuhebräischen Literatur.

Spielplatzgeplauder

Eine Freundin und ich sitzen auf dem Spielplatz. Unsere Kinder toben, sie hatten gerade ein Eis, alles ist gut.

Da donnert ein Kampfjet mit ohrenbetäubendem Lärm über unsere Köpfe hinweg, meine Freundin ist das gewohnt, ich zucke kurz zusammen.

Sie: "Das ist nur ein Übungsflug. Wenn du das ständig hörst lernst du mit der Zeit zu unterscheiden, ob es 'Ernst' ist."

Heile Spielplatzwelt.

Montag, 7. Juni 2010

Erdogan erklärt uns die Welt

Ich sehe die Hamas nicht als Terrororganisation. Es sind Palästinenser im Widerstand, die um ihr Land kämpfen.

Quelle

Ah ja.

Nächstens wird er uns noch erklären, Buchenwald sei ein Freizeitpark gewesen oder wahlweise, es hätte den Genozid an 6 Millionen Juden gar nicht gegeben. Damit befände er sich ja in bester Gesellschaft.

Und jetzt poste ich doch noch das hier, weil es gerade so schön passt. Ob der Refrain auf Erdogan zurückgeht?





Sonntag, 6. Juni 2010

Wenn der Gatte auszieht

(aus dem Schlafzimmer) ist das ein untrügliches Zeichen dafür, dass der israelische Sommer anrückt.

Nun könnte man sagen, ich sei herzlos, könnte ich doch mit Hilfe der Klimaanlage sein Leiden auf Knopfdruck schlagartig beenden, aber ich sehe überhaupt nicht ein a) unsere Stromrechnung in astronomische Höhe zu treiben und b) Kind und mich der Unterkühlung durch die beißende Kaltluft preiszugeben. (Seit er sich selbst mal einen fiesen Schnupfen eingefangen hat, sieht er b) sogar ein).

Da er es im Schlafzimmer ohne künstliche Luftzufuhr aber nicht aushalten kann, schläft er nun seit ein paar Tagen auf dem Balkon - harte Fliesen und Mückenstiche erzeugen scheinbar einen weit geringeren Leidensdruck als israelische Hitze.

Da kann ich doch nur den Kopf schütteln.

Samstag, 5. Juni 2010

Die Welt geht unter aber wir haben Gas

Vor der Küste im Norden Israels wurde diese Woche ein gigantisches Gasvorkommen entdeckt.  Nach Schätzungen ist es doppelt so groß wie das 2009 gefundene Tamar-Vorkommen, das den Gesamtbedarf der israelischen Bevölkerung für die kommenden 35 Jahre decken soll. Daher überlege man derzeit die neuen Gasfunde zu nutzen, um Energielieferant für Europa und Fernost zu werden, hieß es in einem Bericht der Jerusalem Post.

Das sind doch schöne Aussichten - um uns herum tobt der Medienkrieg, aber Gas haben wir immerhin.

Donnerstag, 3. Juni 2010

ein lästiger Zwischenfall

ist mir heute passiert.

Unterwegs (n)irgendwo in Israel wurde ich bei etwa 80 km/h aus heiterem Himmel von einem unbekannten Gegenstand auf der Schnellstraße "angegriffen". Reifen geplatzt, Unterbau zerlegt, wenige hundert Meter weiter rechts rangefahren und beim Aussteigen fast von einem, ebenfalls rechts ranfahrenden LKW zermatscht. Doof gelaufen, aber wozu hat man schließlich einen Pannenservice in der Vollkasko?

Während ich noch versuchte, die Nummer desselben ausfindig zu machen, erschien ein höflicher junger Mann, vielleicht Anfang 20 in Uniform auf der Bildfläche, krempelte die Ärmel hoch und bot sich an, mir fix den Reifen zu wechseln. Ich war so perplex, dass ich erstmal in's Stottern kam, entschied mich letztlich aber doch für den Pannenservice da offensichtlich außer dem geplatzten Reifen noch mehr kaputt war. Trotzdem. So ein hilfsbereiter junger Mann aber auch. Unmittelbar danach musste ich noch zwei weitere Ritter der Landstraße "abweisen" - ob mir so viel Hilfsbereitschaft auch auf einer deutschen Autobahn begegnet wäre?

Da Warten allgemein und am Straßenrand im Besonderen wenig Spaß macht, überquerte ich, mein Kindergartenkind im Schlepptau, schließlich die Schnellstraße, snackte in einem Imbiss der nahegelegenen Armeebasis und durfte schließlich im Abschleppwagen mit in die Werkstatt fahren. Die Tochter fand das toll und auch ich kann das Ganze mit etwas Abstand als interessante Erfahrung verbuchen.

Was geht in einem vor...

... wenn man in diesen Tagen in Israel lebt?

Schwierig, das in Worte zu fassen.

Einerseits ist da ganz viel Wut dabei, auf die eigene Presseabteilung, die bereits während der Vorbereitung der "Free Gaza"-Solidaritätsaktion nicht richtig in die Puschen gekommen war, aber auch insbesondere auf die Berichterstattung der westlichen Länder, die nur allzu bereitwillig die Propaganda radikaler Islamisten schlucken und sogenannten "Friedensaktivisten" zur besten Sendezeit eine Plattform bieten, unverschämt und frei heraus ihre Anschuldigungen und Lügen zu den Vorgängen auf der Mavi Marmara zu verbreiten. Das Feindbild ist klar: Israel ist an allem Schuld, die Aktivisten haben sich nur verteidigen wollen und das sei doch durchaus legitim, wenn man von "Piraten" mitten in der Nacht, sozusagen im Schlaf überrascht und überfallen werde.







Das offizielle Videomaterial, nach dem die, zunächst nur mit Paintballgewehren bewaffneten, Soldaten von einem gewaltbereiten (und äußerst wachen!) Mob empfangen wurden, interessiert danach keinen wirklich mehr und wer will schon den Aufzeichungen des offiziellen Funkverkehrs der Israelis während der Aktion Glauben schenken, bzw. die Darstellung eines der beteiligten Soldaten, hören. Auch die Bilder der an Bord gefundenen Waffen, locken bereits einen Tag nach dem Vorfall, keinen Europäer mehr hinter dem Ofen hervor, geschweige denn ein Video, das, wie im Vorfeld von Israel immer wieder angeboten, die Löschung und den Transport der Hilfsgüter in den Gazastreifen zeigt.

Auch der Nachweis, dass tatsächlich radikale Islamisten unter den Opfern der Auseinandersetzung waren und die Hamas die Lieferung der angeblich so dringend benötigten Hilfsgüter auf dem Landweg bisher ablehnt, ist in der allgemeinen Berichterstattung kaum der Rede wert. Das schmerzt.

Die Stimmung in Israel ist gemischt, man hört überall Kritik - an der Pressearbeit, der Einsatzorganisation, sogar der Blockadepolitik. Gleichzeitig ist man sich einig, dass den Soldaten kein Vorwurf gemacht werden kann und man im Gegenteil froh sein muss, dass sie überhaupt scharfe Waffen dabei hatten, sich verteidigen konnten.