Sonntag, 19. September 2010

Jom Kippur - eine Chronologie

Wenn es dir, lieber Leser, so geht wie mir vor knapp 7 Jahren, du also außer dem durchschnittlichen Allgemeinwissen zu Jom Kippur nicht wirklich weißt, wie es am wichtigsten Feiertag der Juden wirklich in Israel zugeht, ist dieser Artikel für dich. Es könnte ja schließlich sein, dass du mal einen Jom Kippur hier verbringen darfst (oder musst?), da kann ein bisschen mentale Vorbereitung nicht schaden.
17. September

17.20 - Jom Kippur beginnt. Die Mehrheit der israelischen Bevölkerung, religiös wie säkular, fastet an diesem wichtigen Feiertag und hat eben die letzte große Mahlzeit hinter sich gebracht und über den Tag viel Wasser getrunken, damit es über die Fastenzeit reicht.

Die Straßen sind menschenleer, kein Autolärm ist zu hören, kein Flugzeug kreuzt über Israels dämmerndem Himmel. Jom Kippur ist verkehrsfrei, außer Polizei und Krankenwägen mit medizinischen Notfällen wird man heute abend und morgen kein Auto auf Israels Straßen sehen. Der internationale Flughafen und die Häfen stehen still, niemand wird das Land bis morgen Abend betreten oder verlassen.

19.00 - Draußen erwacht das Leben. Während die Erwachsenen sich "energiesparend" verhalten, sammeln sich Scharen von Kindern mit Fahrrädern, Rollern und anderen Gefährten auf den Straßen. Am Jom Kippur gehört der Asphalt ihnen, viele haben zum Neujahrsfest oder in den letzten Tagen ein neues Fahrrad bekommen und führen es nun zum ersten Mal aus.

Ein paar Grundschüler haben auf einer Hauptkreuzung einen Stuhlkreis aus Campingstühlen errichtet und albern herum. Es ist bizarr und faszinierend zugleich. Ausnahmezustand.

21.20 - Traditionell schalte ich versuchsweise den Fernseher ein. Alles ist in Ordnung: Ein Testbild erscheint auf allen Kanälen, im Radio ist nur weißes Rauschen zu hören. Wie gut, dass noch keiner auf die Idee kam, das Internet zu sperren oder das Telefonnetz, obwohl viele diese ebensowenig nutzen werden an diesem Sühnetag.
18. September

7.35 - Wir wachen früh auf. Es ist totenstill draußen, das Wetter angenehm. Noch schlafen die meisten, dann fällt das Fasten nicht so schwer. Wir frühstücken mit geschlossenem Fenster, damit die Nachbarn den Kaffeeduft nicht riechen. Wir wollen es ihnen nicht zusätzlich schwermachen.

10.45 - Wir machen uns mit unserer Tochter und ihrem Laufrad auf. Sie ist begeistert, dass sie die ganze Straße für sich alleine hat und gibt Gas. Auf dem Spielplatz treffen wir Spielkameraden, es ist nett.

Gegen Mittag sind wir wieder zuhause. Es ist inzwischen heiß geworden und wir wollen uns ausruhen. Ich will Musik anmachen, mein Mann hält mich zurück, es sei unpassend was ich einsehe.

Gegen 18.00 endet die Fastenzeit, wenig später registriere ich das erste vorbeifahrende Auto. Das normale Leben wird wieder aufgenommen, bis zum nächsten Jahr :)

Neben der religiösen Bedeutung erinnert Jom Kippur jährlich an den gleichnamigen Krieg 1973, als Israel von einer Allianz aus mehreren arabischen Nachbarländern angegriffen wurde. Der Angriff überraschte die unvorbereiteten Israelis und brachte den Angreifern zunächst militärische Anfangserfolge. Aus israelischer Sicht wirkte sich der Überraschungsangriff auf die Einberufung, anders als die arabischen Strategen gedacht hatten, nicht negativ aus. Im Gegenteil verlief die Einberufung der Reservisten außergewöhnlich schnell, und das trotz der anfänglichen Überraschung und einiger Verwirrung in den Mobilmachungsdepots. Während des höchsten jüdischen Feiertags Jom Kippur ruhte das öffentliche Leben fast vollständig, wodurch kein Straßenverkehr die Militärtransporte behinderte und die Reservisten in ihren Häusern und Synagogen schnell ausfindig gemacht werden konnten. (Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Jom-Kippur-Krieg)

Damit sich ein solcher Überraschungsangriff nie wiederholen kann, befindet sich das Militär auch an Jom Kippur in Bereitschaft.

Quelle: Ynet.co.il
Die Straße gehört an Jom Kippur den jüngsten Israelis. Quelle: Ynet

1 Kommentar: