Donnerstag, 8. Juli 2010

Hardliner oder Gutmensch? Eine Identitätskrise

Ich bin rot-grün aufgewachsen und habe seit Erwerb meiner Volljährigkeit diese politische Einstellung bereits mehrmals bei Wahlen zum Ausdruck gebracht. Ich bin für Recycling, gegen Atombomben und für soziale Gerechtigkeit. Außerdem tendiere ich dazu in Konflikten den sogenannten Underdog zu stützen, über Ungerechtigkeit in allen Lebensbereichen kann ich mich fürchterlich aufregen und grafische Darstellungen wie das Weltdorf stürzen mich regelmäßig in die Trübsinnigkeit, weil ich das Gefühl habe ohnehin nichts bewirken zu können. Im Grunde bin ich ein klassischer Gutmensch.

Oder?

Ich lebe in Israel. Eine sehr konservative Regierung ist derzeit an der Macht und der Außenminister meiner Meinung nach eine diplomatische Katastrophe. Mit meinem politischen und persönlichen Hintergrund müsste ich eigentlich voll auf einer Linie mit Haaretz sein, der links-liberalen Tageszeitung Israels. Eigentlich. Faktisch ertappe ich mich in letzter Zeit aber immer öfter dabei, wie ich innerlich konservativen Journalisten,  TV-Programmen und Berichte zur aktuellen Lage in unserer Region und zunehmend sogar Netanyahus Äußerungen zustimme.

Was ist nur mit mir los?

Ist es wirklich so, dass uns die Umstände in denen wir leben verändern, unseren Charakter beeinflussen? Oder liegt es daran, dass ich "den Konflikt" inzwischen persönlich nehme, weil ich selbst Staatsbürgerin und Mutter einer kleinen Sabra bin? Werde ich deshalb langsam aber sicher zum Hardliner, weil ich mich wie eine Glucke vor das geliebte Nest stelle und meine Tochter schon in Uniform vor mir sehe?

Ich fühle mich nicht als Hardliner. Wenn ich daran denke, in welche Verhältnisse die Kinder im Gazastreifen geboren werden, welche Zukunft auf sie wartet in einem Regime, das sie von klein auf aufhetzt, Sommerlager zerstört  und islamistische Kämpfer und Selbstmordattentäter zu Vorbildern idealisiert, wird mir ganz schlecht. Deren Lage wird sich aber durch ein Einlenken Israels nicht bessern, eher im Gegenteil.

Ja, ich wünsche mir Frieden. Aber nicht um jeden Preis.



Eine weiße Taube warf einen Olivenzweig
auf Zion oder auf Palästina
auf wessen Land stehe ich?
Ich höre immer noch das Kriegsgeschrei...

(kompletter Text hier)

1 Kommentar:

  1. Ja. Die Verhältnisse. Die müssen ja von irgendwem mal geschaffen worden sein. Von den Juden in Israel etwa? Habe mir ein Stück vom Weltdorf angeschaut, traurig, traurig. Aber auch da ist wieder die Frage, wer hat die Verhältnisse geschaffen? Wer ist schuld daran? Ist der wohlhabende Nachbar daran schuld, daß sein Nachbar dem Alkoholismus verfallen ist und der Oma ihr klein Häuschen versäuft? Ist der Erfinder schuld, daß andere nichts erfinden und mit dem Grabstock zufrieden sind? Sollten die Einwohner Israels ihr Lebensniveau auf das der Dauerflüchtlinge umstellen?

    Es gibt Kulturen, die sind nun mal unterschiedlich. Die eine bringt mehr wissenschaftliche Entwicklungen hervor, die andere mehr Leute, die selig sind, als Märtyrer vor ihren Gott zu treten. Was willst Du daran ändern?

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