Donnerstag, 17. Juni 2010

Der Holocaust um uns herum

Mich beschäftigt immer die Frage was wohl wird, wenn alle Holocaust-Überlebenden nicht mehr sind. Ob die Verbrechen des deutschen Volkes am jüdischen Volk dann langsam endgültig in Vergessenheit geraten und nach und nach immer mehr in der Erinnerung verblassen werden? Eine sehr ungute Vorstellung.

Andererseits ist der Holocaust in Israel nach wie vor sehr präsent. Die allermeisten haben eine persönliche Geschichte ihrer Eltern und Großeltern zu erzählen. Manche sind grausam - der Vorname unserer Kindergärtnerin etwa, ist aus den Anfangsbuchstaben von ermordeten Familienmitgliedern zusammengesetzt, einer Freundin war es besonders wichtig, den Familiennamen ihres Mannes anzunehmen aus einem ähnlichen Grund.

Vor kurzem bat mich eine Bekannte um Hilfe bei der Flugverbindungsrecherche nach Deutschland, dort sollte zu Ehren eines Großvaters, der ein ganzes jüdisches Dorf vor der Vernichtung gerettet hatte, eine Zeremonie stattfinden. Kurz stand eine Zugverbindung innerhalb Deutschlands im Raum, aber das war ihr dann doch unangenehm. Wegen des Anlasses und weil da dann alle Deutsch sprechen...

Seit dem allerersten Sprachkurs sind die Wörter "erinnern" und "vergessen" fest in meinem Vokabular verankert - der Merksatz dazu war:

erinnern und nicht vergessen



Man kommt um die Schatten des Holocausts nicht herum in Israel. Meist wird er gar nicht erwähnt, manchmal fast (zu) beiläufig und doch ist er in zahllosen Familien noch immer ständig präsent.

Kommentare:

  1. Ich finde das so schwierig auch hier - wir sind in einen jüdischen Sportverein eingetreten, aus Sympathie, weil ich selbst jüdische Familie habe (selbst aber nicht jüdisch bin) und weil das für uns auch etwas symbolisches hatte: aufeinander zugehen, gemeinsam im Jetzt weitergehen - das klingt ein bisschen sehr nach Pathos - aber das waren eben unter anderem unsere Beweggründe.
    Seit 3 Jahren sind wir nun Mitglied und haben noch keinen einzigen persönlichen Kontakt knüpfen können.
    Die Kinder der jüdischen Familien bleiben immer untereinander und die Erwachsenen tun dies auch. Ein Kindermädchen hat mich irgendwann vor kurzem drauf gebracht, dass dies tatsächlich häufig einen Grund hat, nämlich dass befürchtet wird, ein Grosselternteil der Deutschen könnte ja für den Tod eines der Verwandten der jüdischen Menschen verantwortlich sein - daher lieber keinen Kontakt.
    Das hat mich SO getroffen. Ich habe nicht erwartet, dass jemand kommt und sagt:"Mensch, wie toll, dass Ihr bei uns eintretet", aber ich habe gehofft, einen Teil dazu beizutragen, einen neuen Weg zu gehen und es macht mich traurig, dass das offenbar nicht möglich ist.

    Und eine eigentlich ziemlich schreckliche Sache: neulich war ein grosses Sportfest auf der Anlage und wir haben Freunde eingeladen, dort mit hinzukommen, da wir für den Tag ohnehin verarbredet waren.
    Unsere Freunde schauten sich um und zugegeben, das Areal des Vereins war umsäumt von den teuersten Autos, die man so finden kann, und dann sagte der Mann zu mir, "nicht missverstehen, aber irgendwie kann man ja schon verstehen, dass die Juden den Neid auf sich ziehen" - das fand ich sehr sehr sehr heftig!!!

    Alles Liebe für Sie - ich finde Ihren Blog sehr spannend!

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  2. Dankeschön :)

    Es ist nicht einfach. Einerseits wünschen wir Deutschen uns alle nichts sehnlicher, als dass die Wunden der Vergangenheit vollständig heilen, andererseits sind viele nach wie vor (oder wieder?) unheimlich schnell dabei, mit antijüdischen Vorurteilen um sich zu werfen, bzw. bei jeder Gelegenheit mit dem Finger auf den Judenstaat Israel zu zeigen.

    Ich muss auch sagen (das ist jetzt nicht gegen Sie gerichtet), dass ich die Erwartungshaltung "die Juden sollen endlich mal die Vergangenheit ruhen lassen" ziemlich vermessen finde. Da spielt es auch keine Rolle, dass es nur noch sehr wenige Zeitzeugen gibt, denn die Nachkommen hatten unter den Folgen der Erlebnisse ihrer Eltern nicht minder zu leiden, viele wurden traumatisiert, und es muss respektiert werden, dass auch Jahrzehnte später der Holocaust seinen Schrecken nicht verloren hat.

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  3. Ich verstehe, was Sie meinen !!
    In meiner Familie gab es Betroffene und ich habe sowohl Auschwitz als auch das KZ in Dachau besucht - Schrecken ist noch viel zu wenig gesagt..
    Aber gerade weil das so ist, habe ich diesen Wunsch, nicht gut zu machen, denn ich habe ja nichts getan, aber hach, ich weiss nicht wie ich es beschreiben soll.
    Es tut mir so leid. Mir tut diese Vergangenheit der Deutschen so leid. Ich könnte jedesmal weinen, wenn ich daran denke und naja, ich würde vermutlich einfach gerne demonstrieren, dass wir anders sind...
    Herzliche Grüsse

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